Normtatsachen Im Kartellzivilprozess - Am Beispiel Der Kosten-Preis-Schere (The Blurry Boundary between Legal and Factual Findings in Antitrust Litigation - A Discussion of 'Normtatsachen' with Reference to Margin Squeeze)

Bruns/Kern/Münch/Piekenbrock/Stadler/Tsikrikas (eds.), Festschrift für Stürner, Vol. 1, 2013, S. 435-454

24 Pages Posted: 8 Feb 2014

Date Written: September 1, 2012

Abstract

German Abstract: Im Zuge des more economic approach im europäischen Kartellrecht kommt ökonomischem Fachwissen im Kartellzivilprozess eine stetig zunehmende Bedeutung zu. Das gilt nicht nur für die Ermittlung des Sachverhalts, also etwa die Berechnung von Kartellaufschlägen oder die Feststellung kausaler Zusammenhänge zwischen einzelnen Vertragsklauseln und dem Marktgeschehen. Vielmehr braucht man zur Konkretisierung kartellrechtlicher Generalklauseln ebenfalls ökonomischen Sachverstand. Tatsächlich ist es unmöglich, wettbewerbsrechtliche Ge- und Verbote zu entwickeln, ohne dabei auf ökonomischen Sachverstand zurückzugreifen. Die Grenze zwischen der Tatsachenaufklärung im Einzelfall und der Ermittlung von einzelfallunabhängigen Tatsachen, die man zur Konkretisierung einer Generalklausel braucht, ist nicht immer leicht zu ziehen. Sie zu erkennen, ist dennoch wichtig, um die Aufgaben von Juristen und Ökonomen klar herauszuarbeiten.

Die Kosten-Preis-Schere bietet ein Beispiel dafür, wie verschiedene ökonomische Disziplinen – insbesondere die Wettbewerbsökonomie, die ökonomische Analyse des Rechts und die forensische Ökonomie – einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Kartellrechts leisten können. So hat der EuGH unlängst in Telia Sonera entschieden, dass die Unentbehrlichkeit des Vorproduktes keine zwingende Voraussetzung mehr für die Feststellung einer missbräuchlichen Kosten-Preis-Schere sei. Damit ist ein formales Element des Tatbestandes weggefallen und der Weg eröffnet, bei entbehrlichen Vorprodukten die Schädlichkeit einer Kosten-Preis-Schere im Einzelnen nachzuweisen. Diese Modifikation des Verbotstatbestandes wäre besser nicht ohne nähere ökonomische Analysen erfolgt. Die Wettbewerbsökonomie könnte Erkenntnisse dazu beitragen, ob eine solche Änderung des Verbotstatbestandes sachgerecht ist. Auch der Schwenk in der Praxis hin zum equally efficient competitor test kann nur mithilfe der Ökonomen bewertet werden. Er geht sogar zurück auf ökonomische Überlegungen dazu, welche Wettbewerber dem Wettbewerb unter Effizienzgesichtspunkten nutzen. Schließlich braucht man die forensische Ökonomie, wenn man die Kosten des Marktbeherrschers ermitteln will, die Maßstab der Effizienz sind.

Die Weiterentwicklung des Konzepts der Kosten-Preis-Schere – juristisch gesprochen des maßgeblichen Verbotstatbestandes – verdeutlicht die interdisziplinäre Herausforderung, die sich nicht nur bei der Anwendung des Kartellrechts in einer Einzelfallentscheidung, sondern auch dann stellt, wenn es darum geht, allgemeine Rechtssätze herauszuarbeiten.

Im deutschen Recht werden Tatsachen, die man braucht, um einen Obersatz zu bilden, z. B. um eine Generalklausel zu konkretisieren, mit dem Begriff „Normtatsachen“ umschrieben, um sie von den normalen Tatsachen, also dem streitgegenständlichen Sachverhalt, zu unterscheiden. Da die Zivilprozessordnung (ZPO) keine ausdrückliche Regelung zur Ermittlung von Normtatsachen enthält, hat die Rechtswissenschaft Leitlinien auf der Grundlage des § 293 ZPO entwickelt. Zunächst ermächtigt die Norm das Gericht dazu, von Amts wegen, also unabhängig von Beweisanträgen der Parteien, tätig zu werden. Zudem eröffnet sie Ermessen hinsichtlich des Umfangs und der Art der Ermittlung. Ergänzend kommt eine Anwendung von § 90 und 90a des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) sowie von Art. 15 der VO 1/2003 in Betracht, die es Gerichten ermöglichen, auf den Sachverstand der Kartellbehörden zurückzugreifen. Demgegenüber sind andere prozessuale Fragen noch unbeantwortet, wie etwa die des Beweismaßes und der Kostenlast. Nichtsdestotrotz ist der Weg für die Entwicklung angemessener prozessualer Regelungen zur Ermittlung von Normtatsachen im Kartellzivilprozess bereitet.

English Abstract: Due to the more economic approach in European competition law, economic expertise has become increasingly relevant in civil antitrust litigation. In this context, scholars traditionally focus on how economists can help to reveal relevant facts with regard to anti-competitive practices. However, as competition law contains general clauses, courts often have to develop from those general clauses more detailed rules. To develop those rules courts have to rely on economic knowledge. In fact, it seems impossible to differentiate the highly abstract rules of competition law without economic expertise. Therefore, interdisciplinary collaboration is crucial even before taking evidence on the facts to decide on a particular case.

Margin squeeze exemplifies how disciplines of economics influence the shape of competition law, namely competition economics, economic analysis of law and forensic economics. For example, deviating from formal criteria the European Court of Justice recently established in Telia Sonera, that the indispensability of input is not necessary for the finding of an abusive margin squeeze. This opens the way to see an abuse of market power even in a margin squeeze for dispensable inputs, provided that sufficient negative effects exist. Competition economics could help to consider whether this change in the rule of margin squeeze is appropriate. Furthermore, the European Commission introduced the equally efficient competitor test which is based on economic considerations which competitors our competition law wants to protect. Finally the equally efficient competitor test requires an analysis of the costs of the dominant company. This analysis is the field of forensic economics.

This evolution of the approach towards margin squeeze underlines the interdisciplinary task that exists not only when applying competition law to individual cases but also when it comes to formulating legal prerequisites during litigation. Under German law the phenomenon of identifying facts to establish abstract rules irrespectively of individual cases is referred to as “Normtatsachen”. Because the German Code of Civil Procedure (CCP) does not specifically address the associated questions scholars have developed guidelines based on Sec. 293 CCP, a provision which is also of value with regards to antitrust litigation. Firstly, it empowers judges to act ex officio, i.e. independent of the parties’ motions. The rule also provides for discretion concerning scope and manner of revealing legal facts. Furthermore, Sec. 90 and 90a of the German Act against Restraints of Competition (ARC) as well as Art. 15 of Regulation 1/2003 could be invoked as they allow courts to consult competition agencies. Other procedural questions are still not completely answered, such as questions of cost allocation and the applicable standard of proof. Nevertheless, the stage is set for developing appropriate procedural rules for revealing “Normtatsachen” as legal facts in antitrust litigation.

Note: Downloadable document is in German.

Keywords: Antitrust, Competition, More Economic Approach, Competition Economics, Antitrust Litigation, margin squeeze, Normtatsachen

JEL Classification: K21

Suggested Citation

Pohlmann, Petra, Normtatsachen Im Kartellzivilprozess - Am Beispiel Der Kosten-Preis-Schere (The Blurry Boundary between Legal and Factual Findings in Antitrust Litigation - A Discussion of 'Normtatsachen' with Reference to Margin Squeeze) (September 1, 2012). Bruns/Kern/Münch/Piekenbrock/Stadler/Tsikrikas (eds.), Festschrift für Stürner, Vol. 1, 2013, S. 435-454, Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=2356382

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