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Netiquette in wissenschaftlichen Netzwerken. Eine explorative Studie: Fallbeispiel ResearchGate (Netiquette in Academic Networks: An Explorative Case Study of ResearchGate)

127 Pages Posted: 16 Mar 2016  

Anika Ostermaier-Grabow

University of Hamburg, Students

Date Written: October 29, 2015

Abstract

German Abstract: Die Entwicklung des Web 2.0 eröffnet Forschungsnetzwerken neue Arten der Kommunikation über Hierarchie- und Fachgrenzen hinweg sowie offenere Partizipationsmöglichkeiten. In den letzten Jahren entstanden zusätzlich zu den zahlreichen allgemeinen onlinebasierten sozialen Communities wie Facebook immer mehr Netzwerke, die sich speziell an WissenschaftlerInnen richten und inzwischen hohe Mitgliederzahlen zu verzeichnen haben. Hinsichtlich dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie sich die WissenschaftlerInnen, die aus einer Vielzahl von divergenten Fachbereichen und Ländern stammen und unterschiedlichste akademische Abschlüsse aufweisen, innerhalb dieser Netzwerke verhalten und welchen Umgang bzw. welche Netiquette sie dabei pflegen. Inwieweit haben sich für diese neuen Kommunikationssituationen speziell in online-basierten akademischen Netzwerken bereits Konventionen und ungeschriebene Regeln herausgebildet und inwieweit führen die Verletzung bestehender Kommunikationskonventionen zu (sozialen) Sanktionen? Welche Zusammenhänge lassen sich erkennen? Um diese bisher weitestgehend unerforschten Fragestellungen zu beantworten wurde gemäß der Grounded Theory in einem Wechsel aus Theorie und empirischer Arbeit die Thematik herausgearbeitet und das Forschungsfeld sukzessiv erschlossen. Dabei wurden nach Analyse der bereits vorhandenen Forschungsarbeiten und einer allgemeinen theoretischen Einordnung zunächst bespielhaft Netiquette-Regeln im Web betrachtet und zusammengefasst. Anschließend wurde exemplarisch das onlinebasierte akademische/wissenschaftliche Netzwerk ResearchGate explorativ auf seine Netiquette untersucht. Hierfür wurden zunächst die Rahmenbedingungen (Vorgaben, Möglichkeiten, Profilinformationen, Bewertungsfunktionen) analysiert und anschließend die Nutzer-Profile und deren Ausgestaltung betrachtet. In einem weiteren Schritt wurden Kommunikationen in Diskussions-Räumen im Hinblick auf Teilnahme, Sprache und Umgang anhand eines Kodier-Schemas untersucht.

Die Ergebnisse zeigten, dass bereits im Anmeldeprozess durch die obligatorischen Eingabefelder und Kategorien von ResearchGate eine Vorstrukturierung der Selbstdarstellung und eine Selektion der NutzerInnen erstellt wurden. Zudem wurde eine Sichtbarkeit und Personalisierung auf den jeweiligen Profil-Seiten erzeugt und damit die Präsenz der Mitglieder konstruiert. Da das Netzwerk generell nur WissenschaftlerInnen anspricht, grenzt es sich von den allgemeinen sozialen Netzwerken ab und richtet sich deutlich am Wissenschaftsbereich aus. Auch die Profil-Möglichkeiten bezogen sich ausschließlich auf Angaben zum wissenschaftlichen Kontext und boten keinen Raum für private Daten. Die Analyse der Nutzung des Angebotes ergab zudem, dass generell eine hohe Bereitschaft bestand, sich professionell zu präsentieren, und dass die Möglichkeiten von ResearchGate (Fotos, Angaben zur Person und den Qualifikationen) fast vollständig genutzt wurde.

Insgesamt zeigten sich in der Analyse mehrere Geschlechtsunterschiede. Im Unterschied zu Frauen präsentierten sich Männer in der Tendenz aktiver, ausführlicher und professioneller (z.B. anhand der Fotos: Kleidung, Art der Aufnahme etc.). Bei der Analyse der Kommunikation war auffällig, dass ein Großteil der analysierten Diskussionen durch männliche Fragesteller repräsentiert wurde und diese tendenziell längere Antworten als Frauen aufwiesen. Die männlichen Nutzer zeigten demnach auch in Bereichen, in denen Frauen durch eine generelle Verlinkung mit dem Bereich stark vertreten waren, mehr Aktivität und Präsenz.

Neben diesen Geschlechtsunterschieden fanden sich in der qualitativen Analyse weitere Auffälligkeiten: In Bezug auf die Altersstruktur ergab sich, dass überwiegend junge WissenschaftlerInnen (Post Graduierte/PhDlerInnen) das Netzwerk zum wissenschaftlichen Austausch nutzten. Auffällig war zudem, dass kein Beziehungskontext auf ResearchGate zwischen den FragestellerInnen und AntwortgeberInnen bestand und Personen mit unterschiedlichsten Länderangaben miteinander kommunizierten. In den Kommunikationsräumen wurde den NutzerInnen überdies durch ResearchGate zunächst kein Hinweis auf den akademischen Status angezeigt, so dass bei der Auswahl der interessierenden Fragen die wissenschaftliche Reputation keine Rolle zu spielen schien.

Innerhalb der Kommunikation entstand der Eindruck, dass in vielen Diskussionen aufgrund der geringen Antworten-Anzahl und der oftmals fehlenden Reziprozität der Beiträge, wenig soziale Interaktion stattgefunden hat. Generelle Muster in der Kommunikation ließen sich in kurzen Antwortzeiten, einer sehr sachlichen, fachlichen emotionslosen Wortwahl, einer korrekten Schreibweise, dem regulierten Einsatz von Fachwörtern und wenig hypotaktischem Satzbau erkennen. Auffällig war, dass überwiegend auf eine Ansprache und eine Verabschiedung verzichtet wurde, das heißt, die Antworten und Fragen wurden überwiegend ohne (höfliche) Ein- oder Ausleitung vollzogen. Bei der Suche nach angezeigten Sanktionierungsmaßnahmen wurde insgesamt deutlich, dass die NutzerInnen die Upvote-Funktion von ResearchGate nur sehr sparsam einsetzten und auch nur in wenigen Fällen direkt ein Lob im Text formuliert wurde. Negative Kritik über die anonyme Downvote-Funktion wurde grundsätzlich nicht angewandt und nur in Einzelfällen wurde die Fragestellung kritisch hinterfragt. Eine Aufweichung dieser Muster ließ sich jedoch an den Rückantworten und durch die gesonderte Analyse von langen Diskussionen ablesen. Sie zeigten abweichend Umgangssprache, Danke und Bitte und Lob. Zudem zeigte sich in den langen Diskussionen mehr Reziprozität und es wurden Emotionen über die Wortwahl, Betonungen im Text sowie Lob und Kritik vorgenommen. Jedoch wurde auch bei negativer Kritik auf das Beibehalten der fachlichen, sachlichen Ebene geachtet. Die (höfliche) Ansprache über den Namen oder den Titel blieb auch hier aus. Zudem ließen sich anhand der langen Diskussionen die Sanktionierungsmechanismen verstärkt herausarbeiten. Positive Sanktionierungen wurden zum einen offen und im Text über die Aussprache von Lob konkretisiert. Zum anderen wurde vor allem die Funktion des Upvotes genutzt. Negative Sanktionierungen wurden überwiegend offen im Text in Form von fachlicher Kritik oder Hinterfragen der Frage vorgenommen. Zudem wurde der anonyme Downvote, der auch hier nur selten zum Einsatz kam, kritisiert.

Übergreifend lässt sich festhalten, dass sich in dieser Stichprobe keine Hinweise auf die Verletzung der von ResearchGate (schriftlich vorgegebenen) aufgestellten Meta-Regeln und Verbote (wie z.B. keine Beleidigungen, keine Werbung etc.) erkennen ließen. Die explizit vom Netzwerkanbieter formulierte Regel der ausschließlichen Verwendung der englischen Sprache bewirkte zudem eine gemeinsame Verständigungsbasis, so dass keine Räume für sprachliche Ausgrenzung zu erkennen waren. Auffällig war zudem, dass die Questions & Answers Guidelines (präzise, informativ und stilistisch korrekte Formulierung) überwiegend umgesetzt wurden, obwohl auf diese nur bei der Formulierung von Fragen hingewiesen wurde.

Durch diese Forschungsarbeit lassen sich Hinweise auf Kommunikationskonventionen und Selbstdarstellungs-Praktiken, die sich durch die neuen Möglichkeiten des wissenschaftlichen Austausches herausgebildet haben, erkennen. Die Arbeit gibt überdies einen ersten Einblick in die Erforschung einer Netiquette und bringt Ideen für die Forschungspraxis auf, die sich entlang des Untersuchungsprozesses herausgebildet haben. Eine Netiquette trägt zur Etablierung einer gemeinsamen normativen Basis und zum Abbau von Unsicherheiten in Bezug auf essentielle Elemente der Kommunikation, Selbstdarstellung, Veröffentlichung von Inhalten und Netzwerkbildung bei. Auch für die Entwicklung einer Open Science ist die Netiquette von Relevanz, da Bedenken bei der Veröffentlichung von Daten durch Konventionen und durch die Bildung eines Bewusstseins für einen erwünschten Umgang miteinander abgebaut werden können. Generell stellt sich im Hinblick auf das partizipatorische Web mit seinen vielseitigen Anwendungen, Technologien und Werkzeugen zunehmend die Frage, welchen Einfluss diese Dynamik auf die WissenschafterInnen besitzt und wie mit den neuen Möglichkeiten der Partizipation, Kommunikation, des offenen Diskurses und dem Austausch von wissenschaftlichen Daten umgegangen wird und ob eine Modifikation der hierarchischen akademischen Strukturen erzeugt wird.

English Abstract: In the past years the development of the so-called Web 2.0 created new ways of communication and more open participation across the hierarchical academic and professional structures. Besides private social networks, there are numerous academic networks with a growing number of participants. According to the divergent departments, countries and academic levels of the members the question arises a how interaction and communication appears within these structures. Which kind of conventions and unwritten rules emerge in these academic online networks? Is there a common netiquette for the academic communication and self-presentation? To explore these questions, the presented qualitative study analyzed exemplarily the netiquette of the academic online network ResearchGate. The methodological procedure was based on the Grounded Theory. Initially the surrounding conditions (requirements, options, rating-functions) were examined.

Subsequently, a data sample of user profiles and discussion trays was identified and configurations of user-profiles (presented information/photos) as well as communication in discussions rooms (participation, language and terms) were analyzed.

The findings revealed that the registration process of ResearchGate generates a predefined rough structure for the self-presentation and a selection of people with academic background. On the profile-sites members had the opportunity to create a visibility of their academic skills and personal information and to show their scientific working papers. The analysis of the user profiles exhibited that in general most of the members were willing to present their professional data and photos in detail. Overall the analysis of the communication structures revealed that predominantly young academics with any relationship to each other and varying country indications used the network for their scholarly exchange in the sampled discussion rooms. Most of the discussions consisted of only three to four participants and incoherent answers. This could be interpreted as a lack of reciprocity or less social interaction. Identified general communication patterns can be characterized by short answer periods, an objective, professional, unemotional word choice, a correct notation, and a modulated use of technical terms. Remarkably, most of the members did not use (polite) salutation or farewell words to begin or end their posts. By analyzing especially long discussions a change of the patterns showed up. The long discussions exhibited more reciprocity in form of coherent answers, colloquial language, emotions, and compliments. Furthermore, in the long communication more positive reactions were openly expressed by compliments and with the upvote function of ReserachGate. Similarly, negative sanctions were expressed through constructive criticism or questions. By comparing the results with the ResearchGate Questions & Answers Guidelines” (precise, informative, correct) it was remarkably that most of these guidelines were transferred within in the observed discussions.

This study provided first insights in communication conventions and self-presentation practices in academic online networks. Additionally, a new methodological approach for the investigation of the academic netiquette on ResearchGate was developed. For future research, the existence of a general academic netiquette should be considered as an important factor to reduce insecurity in matters of communication, presentation, publishing, and exchange of scientific data.

Notes: Downloadable document is in German.

Keywords: Netiquette, Social Web, Social Networks, ResearchGate, akademische Netzwerke, academic Community

Suggested Citation

Ostermaier-Grabow, Anika, Netiquette in wissenschaftlichen Netzwerken. Eine explorative Studie: Fallbeispiel ResearchGate (Netiquette in Academic Networks: An Explorative Case Study of ResearchGate) (October 29, 2015). Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=2733669

Anika Ostermaier-Grabow (Contact Author)

University of Hamburg, Students ( email )

Hamburg
Germany

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